DER ADEL
RICHARD NICOLAUS COUDEHOVE-KALERGI (1894-1972)
Leipzig 1922 – Verlag Neue Geist / Dr. Peter Reinhold
Erster Teil:
VOM RUSTIKALEN UND URBANEN MENTALITÄT

1. Landmensch - Stadtmensch

Land und Stadt sind die beiden Pole menschlichen Daseins. Land und Stadt zeugen ihre besonderen Menschentypen: den rustikalen und urbanen Menschen.

Rustikalmensch und Urbanmensch sind psychologisch Antipoden. Bauern verschiedenster Gegenden gleichen einander seelisch oft mehr, als den Städtern der benachbarten Großstadt. Zwischen Land und Land, zwischen Stadt und Stadt liegt der Raum - zwischen Stadt und Land die Zeit. Unter den europäischen Rustikal­menschen leben Vertreter aller Zeitalter: von der Steinzeit bis zum Mittelalter; während nur die Weltstädte des Abendlandes, die den extremsten Urbantypus hervorgebracht haben, Repräsentanten neu­zeitlicher Zivilisation sind. So trennen Jahrhunderte, oft Jahrtausende eine Großstadt vom flachen Lande, das sie umgibt.

Der Urbanmensch denkt anders, urteilt anders, empfindet anders, handelt anders als der Rustikalmensch. Das Großstadtleben ist abstrakt, mechanisch, rational - das Landleben konkret, organisch, irrational. Der Städter ist rationalistisch, skeptisch, ungläubig der Landmann emotionalistisch, gläubig, abergläubisch.

Alles Denken und Fühlen des Landmannes kristallisiert sich um die Natur, er lebt in Symbiose mit dem Tier, dem lebendigen Geschöpf Gottes, ist verwachsen mit seiner Landschaft, abhängig von Wetter und Jahreszeit. Kristallisationspunkt der urbanen Seele hingegen ist die Gesellschaft; sie lebt in Symbiose mit der Maschine, dem toten Geschöpf des Menschen; durch sie macht sich der Stadtmensch möglichst unabhängig von Zeit und Raum, von Jahreszeit und Klima.

Der Landmensch glaubt an die Gewalt der Natur über den Menschen - der Stadtmensch glaubt an die Gewalt des Menschen über die Natur. Der Rustikalmensch ist Naturprodukt, der Urban­mensch Sozialprodukt; der eine sieht Zweck, Maß und Gipfel der Welt im Kosmos, der andere in der Menschheit.

Der Rustikalmensch ist konservativ, wie die Natur - der Urbanmensch fortschrittlich, wie die Gesellschaft. Aller Fortschritt überhaupt geht von Städten und Städtern aus, Der Stadt­mensch selbst ist meist das Produkt einer Revolution innerhalb eines ländlichen Geschlechtes, das mit seiner rustikalen Tradition brach, in die Großstadt zog und dort ein Leben auf neuer Basis begann.

Die Großstadt raubt ihren Bewohnern den Genuß der Natur­schönheit; als Entschädigung bietet sie ihnen Kunst. Theater, Konzerte, Galerien sind Surrogate für die ewigen und wechselnden Schönheiten der Landschaft. Nach einem Tagwerk voll Häßlichkeit bieten jene Kunstinstitute dem Städter Schönheit in konzentrierter Form Auf dem Lande sind sie leicht entbehrlich. - Natur ist die extensive, Kunst die intensive Erscheinungsforrn der Schönheit.

Das Verhältnis des Urbanmenschen zur Natur, die ihm fehlt, wird von der Sehnsucht beherrscht; während die Natur dem Rustikalmenschen stete Erfüllung ist. Daher empfindet sie der Städter vorwiegend romantisch, der Landmensch klassisch.

Die soziale (christliche) Moral ist ein urbanes Phänomen; denn sie ist eine Funktion des menschlichen Zusammenlebens, der Ge­sellschaft. Der typische Städter verbindet christliche Moral mit irreligiöser Skepsis, rationalistischem Materialismus und mechanistischem Atheismus. Die Weltanschauung, die daraus resultiert, ist die des Sozialismus: die moderne Großstadtreligion.

Für den rustikalen Barbaren Europas ist das Christentum kaum mehr als eine Neuauflage des Heidentums mit veränderter Mytho­logie und neuem Aberglauben; seine wahre Religion ist Glaube an die Natur, an die Kraft, an das Schicksal.

Stadt- und Landmensch kennen einander nicht; darum mißtrauen und mißverstehen sie einander und leben in verhüllter oder offener Feindschaft. Es gibt vielerlei Schlagworte, unter denen sich diese elementare Gegnerschaft verbirgt: Rote und Grüne Internationale; Industrialismus und Agrariertum; Fortschritt und Reaktion; Judentum und Antisemitismus.

Alle Städte schöpfen ihre Kräfte aus dem Lande; alles Land schöpft seine Kultur aus der Stadt, Das Land ist der Boden, aus dem die Städte sich erneuern; ist die Quelle, die sie speist; die Wurzel, aus der sie blühen. Städte wachsen und sterben: das Land ist ewig.

2. Junker - Literat.

Blüte des Rustikalmenschen ist der Landadelige, der Junker. Blüte des Urbanmenschen ist der Intellektuelle, der Literat.

Land und Stadt haben beide ihren spezifischen Adelstypus gezeugt: Willensadel steht gegen Geistesadel, Blutadel gegen Hirnadel. Der typische Junker verbindet ein Maximum an Charakter mit einem Minimum an Intellekt -- der typische Literat ein Maximum an Intellekt mit einem Minimum an Charakter.

Nicht immer und überall mangelte es dem Landadel an Geist, dem Stadtadel an Charakter: wie im England der Neuzeit war im Deutschland der Minnesängerzeit der Blutadel ein hervorragendes Kulturelement; während andererseits der katholische Geistesadel der Jesuiten und der chinesische Geistesadel der Mandarinen in ihrer Blütezeit ebenso viel Charakter wie Geist bewiesen.

Im Junker und Literaten gipfeln die Gegensätze des rustikalen und urbanen Menschen. Typischer Beruf der Junkerkaste ist der Offiziersberuf; typischer Beruf der Literatenkaste der Journalisten­Beruf.

Der Junker-Offizier blieb, psychisch wie geistig, auf der Stufe des Ritters stehen. Hart gegen sich und andere, pflichttreu, energisch, standhaft, konservativ und beschränkt, lebt er in einer Welt dynastischer, militaristischer, nationaler und sozialer Vorurteile. Mit einem tiefen Mißtrauen gegen alles Moderne, gegen Großstadt, Demokratie, Sozialismus, Internationalismus verbindet er einen ebenso tiefen Glauben an sein Blut, seine Ehre und die Welt­anschauung seiner Väter. Er verachtet den Städter, vor allem den jüdischen Literaten und Journalisten.

Der Literat eilt seiner Zeit voran; vorurteilsfrei vertritt er moderne Ideen in Politik, Kunst, Wirtschaft. Er ist fortschrittlich, skeptisch, geistreich, vielseitig, wandelbar; ist Eudämonist, Rationaiist, Sozialist, Materialist. Er überschätzt den Geist, unterschätzt Körper und Charakter: und verachtet daher den Junker als rückständigen Barbaren.

Wesen des Junkers ist Starrheit des Willens - Wesen des Literaten ist Beweglichkeit des Geistes.

Junker und Literat sind geborene Rivalen und Gegner: wo die Junkerlkaste herrscht, muß Geist der Gewalt weichen; in solchen reaktionären Zeiten ist der politische Einfluß der Intellektuellen ausgeschaltet oder mindestens eingeschränkt. Herrscht die Literaten­kaste, muß die Gewalt dem Geiste weichen: Demokratie siegt über Feudalismus, Sozialismus über Militarismus.

Der Haß der Willensaristokratie und der Geistesaristokratie]Deutschlands gegeneinander wurzelt im Mißverstehen. Jede sieht nur die Schattenseiten der anderen und ist blind gegen deren Vorzüge. Die Psyche des Junkers, des Rustikalmenschen, bleibt hochstehenden Literaten ewig verschlossen; während fast allen Junkern die Seele des Intellektuellen, des Urbanmenschen, fremd bleibt. Statt von dem anderen zu lernen, blickt der jüngste Leutnant mit Geringschätzung auf die führenden Geister moderner Literatur herab, während der letzte Winkeljournalist für hervorragende Offiziere nur überlegene Verachtung empfindet. Durch dieses doppelte Miß­verstehen fremder Mentalität hat erst das militaristische Deutschland die Widerstandskraft der urbanen Massen gegen den Krieg unterschätzt, dann das revolutionäre Deutschland die Widerstands­kraft der rustikalen Massen gegen die Revolution. Die Führer des Landes verkannten die Psyche der Stadt und ihre Neigung zum Pazifismus - die Führer der Städte verkannten die Psyche des Landvolkes und ihre Neigung zur Reaktion: so hat Deutsch­land erst den Krieg verloren, dann die Revolution.

Die Gegensätzlichkeit des Junkers und des Literaten ist darin begründet, daß diese beiden Typen Extreme, nicht Gipfelpunkte von Blut- und Geistesadel sind. Denn die höchste Erscheinungs­form des Blutadels ist der Grand-seigneur, des Geistesadels das Genie. Diese beiden Aristokratien sind nicht nur vereinbar: sie sind verwandt. Cäsar, die Vollendung des Grand-seigneur, war der genialste Römer; Goethe, der Gipfel an Genialität, war von allen deutschen Dichtern am meisten Grandseigneur. Hier wie überall entfernen sich die Mittelstufen am stärksten, während die Gipfel sich berühren.

Der vollendete Aristokrat ist zugleich Aristokrat des Willens und des Geistes, aber weder Junker noch Literat. Er verbindet Weitblick mit Willensstärke, Urteilskraft mit Tatkraft, Geist mit Charakter, Fehlen solche synthetische Persönlichkeiten, so sollten die divergierenden Aristokratien des Willens und des Geistes ein­ander ergänzen, statt bekämpfen. In Ägypten, Indien, Chaldäa herrschten einst Priester und Könige (Intellektuelle, und Krieger) gemeinsam. Die Priester beugten sich vor der Kraft des Willens, die Könige vor der Kraft des Geistes: Hirne wiesen die Ziele, Arme bahnten die Wege.

3. Gentleman - Bohémien

Blut- und Geistesadel Europas schufen sich ihre spezifischen Typen: Englands Blutadel den Gentleman; Frankreichs Geistes­adel den Bohémien.

Gentleman und Bohemien begegnen sich im Bestreben, der öden Häßlichkeit spießbürgerlichen Daseins zu entfliehen: der Gentleman überwindet sie durch Stil, der Bohemien durch Temperament. Der Gentleman setzt der Formlosigkeit des Lebens Form - der Bohemien der Farblosigkeit des Lebens Farbe entgegen.

Der Gentleman bringt in die Unordnung menschlicher Beziehungen Ordnung - der Bohemien in deren Unfreiheit Freiheit.

Die Schönheit des Gentleman-Ideales beruht auf Form, Stil, Harmonie: sie ist statisch, klassisch, apollinisch. Die Schön­heit des Bohemien-Ideales beruht auf Temperament, Freiheit, Vitalität: sie ist dynamisch, romantisch, dionysisch.

Der Gentleman idealisiert und stilisiert seinen Reichtum - der Bohémien idealisiert und stilisiert seine Armut.

Der Gentleman ist auf Tradition gestellt, der Bohémien auf Protest: das Wesen des Gentleman ist konservativ - das Wesen des Bohémien revolutionär. Mutter des Gentleman-Ideales ist Eng­land, das konservativste Land Europas - Wiege der Bohéme ist Frankreich, das revolutionärste Land Europas.

Das Gentleman-Ideal ist die Lebensform einer Kaste - das Bohéme-Ideal Lebensform von Persönlichkeiten.

Das Gentleman-Ideal weist jenseits von England zurück zur römischen Stoa - das Bohéme-Ideal weist jenseits von Frankreich zurück auf die griechische Agora. Die römischen Staatsmänner näherten sich dem Gentlemantypus, die griechischen Philosophen dem Bohemientypus: Cäsar und Seneca waren Gentlemen, Sokrates und Diogenes Bohemiens.

Der Schwerpunkt des Gentleman liegt im Physisch-Psychischen -­ des Bohémien im Geistigen: der Gentleman darf Dummkopf, der Bohémien darf Verbrecher sein. Beide Ideale sind menschliche Kristallisatonsphänomene: wie der Kristall nur in unstarrer Umgebung sich bilden kann, so ver­danken jene beiden Ideale ihr Dasein der englischen und fran­zösischen Freiheit.

Im kaiserlichen Deutschland fehlte diese Atmosphäre zur Persönlichkeitskristallisation: daher konnte es kein ebenbürtiges Ideal entwickeln. Zum Gentleman fehlte dem Deutschen der Stil, zum Bohémien das Temperament, zu beiden Grazie und Ge­schmeidigkeit.

Da er in seiner Wirklichkeit keine ihm angemessene Lebensform fand, suchte der Deutsche in seiner Dichtung nach idealen Ver­körperungen deutschen Wesens: und fand als physisch-psychisches Ideal den jungen Siegfried, als geistiges Ideal den alten Faust.

Beide Ideale waren romantisch-unzeitgemäß: in der Verzerrung der Wirklichkeit erstarrte das romantische Siegfried-Ideal zum preußischen Offizier, zum Leutnant - das romantische Faust­ Ideal zum deutschen Gelehrten, zum Professor.

An die Stelle organischer Ideale traten mechanische: der Offizier repräsentiert die Mechanisierung des Psychischen: den erstarrten Siegfried; der Professor die Mechanisierung des Geistigen: den erstarrten Faust.

Auf keine seiner Klassen war das Wilhelminische Deutschland stolzer als auf seine Offiziere und Professoren. In ihnen sah es die Blüte der Nation, wie England in seinen politischen Führern, die romanischen Völker in ihren Künstlern.

Will das deutsche Volk Höherentwicklung, so muß es seine Ideale revidieren: seine Tatkraft muß die militärische Einseitigkeit sprengen und sich weiten zu politisch-menschlicher Vielseitigkeit; sein Geist muß die rein wissenschaftliche Enge sprengen und sich weiten zur Synthese des Dichter-Denkers.

Das 19. Jahrhundert hat dem deutschen Volke zwei Männer größten Stiles geschenkt, die diese Forderungen höheren Deutsch­tums verkörperten: Bismarck, den Heros der Tat; Goethe, den Heros des Geistes.

Bismarck erneuert, vertieft und belebt das kitschig gewordene Siegfried-Ideal - Goethe erneuert, vertieft und belebt das ver­staubte Faust-Ideal.

Bismarck hatte die guten Eigenschaften des deutschen Offiziers - ohne dessen Fehler; Goethe hatte die guten Eigenschaften des deutschen Gelehrten - ohne dessen Fehler. In Bismarck über­windet die Überlegenheit des Staatsmannes die Beschränktheit des Offiziers - in Goethe überwindet die Überlegenheit des Dichter­-Denkers die Beschränktheit des Gelehrten: in beiden das organische Persönlichkeitsideal das Mechanische, der Mensch die Marionette.

Durch seine vorbildliche Persönlichkeit hat Bismarck mehr für die Entwicklung des Deutschtums getan, als durch seine Reichs­gründung; durch sein olympisches Dasein hat Goethe das deutsche Volk reicher beschenkt als durch seinen Faust: denn Faust ist, wie Goetz, Werther, Meister und Tasso, nur ein Fragment von Goethes Menschentum.

Deutschland sollte sich aber hüten, seine beiden lebendigen Vorbilder zu verkitschen und herabzuziehen: aus Bismarck, einen Feldwebel, aus Goethe einen Schulmeister zu machen.

An der Nachfolge dieser beiden Gipfel deutschen Menschentums könnte Deutschland wachsen und gesunden; von ihnen kann es tätige und beschauliche Größe lernen, Tatkraft und Weisheit. Denn Bismarck und Goethe sind die beiden Brennpunkte, um die sich ein neuer deutscher Lebensstil bilden könnte, der den westlichen Idealen ebenbürtig wäre.

4. Inzucht - Kreuzung.

Meist ist der Rustikalmensch Inzuchtprodukt, der Urbanmensch Mischling. Eltern und Voreltern des Bauern stammen gewöhnlich aus der gleichen, dünnbevölkerten Gegend; des Adeligen aus derselben dünnen Oberschicht. In beiden Fällen sind die Vorfahren unter­einander blutsverwandt und daher meist physisch, psychisch, geistig einander ähnlich. Infolgedessen vererben sie ihre gemeinsamen Züge, Willenstendenzen, Leidenschaften, Vorurteile, Hemmungen in gesteigertem Grade auf ihre Kinder und Nachkommen. Die Wesenszüge, die sich aus dieser Inzucht ergeben, sind: Treue, Pietät, Familiensinn, Kastengeist, Beständigkeit, Starrsinn., Energie, Beschränktheit; Macht der Vorurteile, Mangel an Objektivität, Enge des Horizontes. Hier ist eine Generation nicht Variation der vor­hergehenden, sondern einfach deren Wiederholung: an die Stelle von Entwicklung tritt Erhaltung.

In der Großstadt begegnen sich Völker, Rassen, Stände. In der Regel ist der Urbanmensch Mischling aus verschiedensten sozialen und nationalen Elementen. In ihm heben sich die entgegen­gesetzten Charaktereigenschaften, Vorurteile, Hemmungen, Willenstendenzen und Weltanschauungen seiner Eltern und Voreltern auf oder schwächen einander wenigstens ab. Die Folge ist, daß Mischlinge vielfach Charakterlosigkeit, Hemmungslosigkeit, Willensschwäche, Unbeständigkeit, Pietätlosigkeit und Treulosigkeit mit Objektivität, Vielseitigkeit, geistiger Regsamkeit, Freiheit von Vorurteilen und Weite des Horizontes verbinden. Mischlinge, unterscheiden sich stets von ihren Eltern und Voreltern; jede Generation ist eine Variation der vorhergehenden, entweder im Sinne der Evolution oder der Degeneration.

Der Inzuchtmensch ist Einseelenmensch - der Mischling Mehrseelenmensch. In jedem Individuum leben seine Ahnen fort als Elemente seiner Seele: gleichen sie einander, so ist sie einheitlich, einförmig; streben sie auseinander, so ist der Mensch vielfältig, kompliziert, differenziert.

Die Größe eines Geistes liegt in seiner Extensität, das ist in seiner Fähigkeit, alles zu erfassen und zu umfassen; die Größe eines Charakters liegt in seiner Intensität, das ist in seiner Fähigkeit, stark, konzentriert und beständig zu wollen. So sind, in gewissem Sinne, Weisheit und Tatkraft Widersprüche.

Je ausgesprochener die Fähigkeit und Neigung eines Menschen, die Dinge als Weiser von allen Seiten zu sehen und sich vor­urteilsfrei urteilsfrei auf jeden Standpunkt zu stellen - desto schwächer ist meist sein Willensimpuls, nach einer bestimmten Richtung hin unbedenklich zu handeln: denn jedem Motiv stellen sich Gegen­motive entgegen, jedem Glauben Skepsis, jeder Tat die Einsicht in ihre kosmische Bedeutungslosigkeit.

Tatkräftig kann nur der beschränkte, der einseitige Mensch sein. Es gibt aber nicht bloß eine unbewusste, naive: es gibt auch eine bewusste, heroische Beschränktheit. Der heroisch Beschränkte - und zu diesem Typus zählen alle wahrhaft großen Tatmenschen - schaltet zeitweise freiwillig alle Seiten seines Wesens aus, bis auf die eine, die seine Tat bestimmt. Objektiv, kritisch, skeptisch, überlegen kann er vor oder nach seiner Tat sein: während der Tat ist er subjektiv, gläubig, einseitig, ungerecht.

Weisheit hemmt Tatkraft - Tatkraft verleugnet Weis­heit. Der stärkste Wille ist wirkungslos, wenn er richtungs­los ist; auch ein schwacher Wille löst stärkste Wirkung aus, wenn er einseitig ist. Es gibt kein Leben der Tat ohne Unrecht, Irrtum, Schuld: wer sich scheut, dieses Odium zu tragen, der bleibe im Reiche des Gedankens, der Beschaulichkeit, der Passivität. - Wahrhafte Menschen sind immer schweigsam: denn jede Behauptung ist, in gewissem Sinne, Lüge; herzensreine Menschen sind immer inaktiv: denn jede Tat ist, in gewissem Sinne, Unrecht. Tapferer aber ist es, zu reden, auf die Gefahr hin, zu lügen; zu handeln, auf die Gefahr hin, Unrecht zu tun.

Inzucht stärkt den Charakter, schwächt den Geist - Kreuzung schwächt den Charakter, stärkt den Geist. Wo Inzucht und Kreuzung unter glücklichen Auspizien zusammentreffen, zeugen sie den höchsten Menschentypus, der stärksten Charakter mit schärfstem Geist verbindet. Wo unter unglücklichen Auspizien Inzucht und Mischung sich begegnen, schaffen sie Degenerations­typen mit schwachem Charakter, stumpfem Geist.

Der Mensch der fernen Zukunft wird Mischling sein. Die heutigen Rassen und Kasten werden der zunehmenden Überwindung von Raum, Zeit und Vorurteil zum Opfer fallen. Die eurasisch negroide Zukunftsrasse, äußerlich der altägyptischen ähnlich, wird die Vielfalt der Völker durch eine Vielfalt der Persönlich­keiten ersetzen, Denn, nach den Vererbungsgesetzen, wächst mit der Verschiedenheit der Vorfahren die Verschiedenheit, mit der Einförmigkeit der Vorfahren die Einförmigkeit der Nachkommen. In Inzuchtfamilien gleicht ein Kind dem anderen: denn alle re­präsentieren den einen, gemeinsamen Familientypus. In Mischlings­familien unterscheiden sich die Kinder stärker voneinander: jedes bildet eine neuartige Variation der divergierenden elterlichen und vorelterlichen Elemente. Inzucht schafft charakteristische Typen -- Kreuzung schafft originelle Persönlichkeiten.

Vorläufer des planetaren Menschen der Zukunft ist im modernen Europa der Russe als slavisch-tartarisch-finnischer Mischling; weil er, unter allen europäischen Völkern, am wenigsten Rasse hat, ist er der typische Mehrseelenmensch mit der weiten, reichen, allumfassenden Seele. Sein stärkster Antipode ist der insulare Brite, der hochgezüchtete Einseelenmensch, dessen Kraft im Charakter, im Willen, im Einseitigen, Typischen liegt. Ihm verdankt das moderne Europa den geschlossensten, vollendetsten Typus, den Gentleman.

5. Heidnische und christliche Mentalität.

Zwei Seelenformen ringen uni Weltherrschaft: Heidentum und Christentum. Mit den Konfessionen, die diese Namen tragen, haben jene Seelenformen nur sehr äußerliche Beziehungen. Wird der Schwerpunkt vom Dogmatischen ins Ethische, vom Mythologischen ins Psychologische verlegt, so wandelt sich Buddhismus in Ultra­-Christentum, während Amerikanismus als modernisiertes Heidentum erscheint. Der Orient ist Hauptträger christlicher, der Okzident Hauptträger heidnischer Mentalität: die „heidnischen" Chinesen sind bessere Christen, als die „christlichen" Germanen.

Heidentum stellt Tatkraft, Christentum Liebe an die Spitze der ethischen Wertskala. Christliches Ideal ist der liebende Heilige, heidnisches Ideal der siegende Held. Christentum will den homo ferus in einen homo domesticus wandeln, das Raubtier Mensch in das Haustier Mensch - während Heidentum den Menschen zum Übermenschen umschaffen will. Christentum will Tiger zu Katzen zähmen - Heidentum Katzen zu Tigern steigern.

Hauptverkünder modernen Christentums war Tolstoi; Hauptverkünder modernen Heidentums Nietzsche.

Die germanische Edda-Religion war reinstes Heidentum. Unter christlicher Maske lebte sie fort: im Mittelalter als ritterliche, in der Neuzeit als imperialistische und militaristische Weltanschauung. Offiziere, Junker, Kolonisatoren, Industriekapitäne sind die führenden Repräsentanten modernen Heidentums. Tatkraft, Tapferkeit, Größe, Freiheit, Macht, Ruhm und Ehre: das sind die Ideale des Heiden­tums; während Liebe, Milde, Demut, Mitleid und Selbstverleugnung christliche Ideale sind.

Die Antithese: Heidentum-Christentum deckt sich weder mit der Antithese: Rustikalmensch - Urbanmensch, noch mit: Inzucht­-Kreuzung. Zweifellos aber begünstigen Rustikalbarbarei und Inzucht die Entwicklung heidnischer, Urbanzivilisation und Mischung die Entwicklung christlicher Mentalität.

Allgemeingültiger heidnischer Individualismus ist nur in dünn­bevölkerten Erdstrichen möglich, wo der Einzelne sich behaupten und rücksichtslos entfalten kann, ohne gleich in Gegensatz zu seinen Mitmenschen zu geraten. In übervölkerten Gegenden, wo Mensch an Mensch stößt, muß das sozialistische Prinzip gegenseitiger Unterstützung das individualistische Prinzip des Daseins­kampfes ergänzen und, zum Teil, verdrängen.

Christentum und Sozialismus sind internationale Großstadt­produkte. Das Christentum nahm als Weltreligion seinen Ausgang von der rasselosen Weltstadt Rom; der Sozialismus von den national gemischten Industriestädten des Abendlandes. Beide Äußerungen christlicher Mentalität sind auf Internationalismus aufgebaut. Der Widerstand gegen das Christentum ging von der Landbevölkerung aus (pagani); so wie es auch heute das Landvolk ist, das der Verwirklichung sozialistischer Lebensform den stärksten Widerstand entgegenstellt.

Immer waren dünnbevölkerte, nördliche Gegenden Zentren heidnischen Wollens, dichtbevölkerte südliche Gegenden Brut­stätten christlichen Fühlens. Wo heute vom Gegensatz östlichen und westlichen Seelenlebens die Rede ist, wird meistens darunter nichts verstanden, als jener Gegensatz zwischen Menschen des Südens und des Nordens. Der Japaner, als nördlichster Kultur­orientale, nähert sich vielfach dem Okzidentalen; während die Mentalität des Süditalieners und Südamerikaners orientalisch ist. Für die Zustände der Seele scheint der Breitegrad entscheidender zu sein, als der Längengrad.

Nicht nur die geographische Lage: auch die historische Entwicklung wirkt bestimmend auf die Seelenform eines Volkes. Das chinesische wie das jüdische Volk empfinden deshalb christlicher als das germanische, weil ihre Kulturvergangenheit älter ist. Der Germane steht zeitlich dem Wilden näher als der Chinese, der Jude; diese beiden alten Kulturvölker konnten sich gründlicher von der heidnisch-natürlichen Lebensauffassung emanzipieren, weil sie mindestens drei Jahrtausende länger dazu Zeit hatten. - Heidentum ist ein Symptom kultureller Jugend - Christentum ein Symptom kulturellen Alters.

Drei Völker: Griechen, Römer, Juden haben, jedes auf seine Weise, die antike Kulturwelt erobert. Erst das ästhetisch-philosophische Volk der Griechen: im Hellenismus; dann das praktisch­politische Volk der Römer: im Imperium Romanum, schließlich das ethisch-religiöse Volk der Juden: im Christentum.

Das Christentum, ethisch von jüdischen Essenern (Johannes), geistig von jüdischen Alexandrinern (Philo) vorbereitet, war regeneriertes generiertes Judentum. Soweit Europa christlich ist, ist es (im ethisch-geistigen Sinne) jüdisch; soweit. Europa moralisch ist, ist es jüdisch, Fast die ganze europäische Ethik wurzelt im Judentum. Alle Vorkämpfer einer religiösen oder irreligiösen christlichen Moral, von Augustinus bis Rousseau, Kant und Tolstoi, waren Wahljuden im geistigen Sinne; Nietzsche ist der einzige nichtjüdische, der einzige heidnische Ethiker Europas.

Die prominentesten und überzeugtesten Vertreter christlicher Ideen, die in ihrer modernen Wiedergeburt Pazifismus und Sozialismus heißen, sind Juden.

Im Osten ist das chinesische Volk das ethische par excellence (im Gegensatz zu den ästhetisch-heroischen Japanern und den. religiös-spekulativen Indern) - im Westen das jüdische. Gott war Staatsoberhaupt der alten Juden, ihr Sittengesetz bürgerliches Gesetzbuch, Sünde war Verbrechen.

Der theokratischen Idee der Identifikation von Politik und Ethik ist das Judentum im Wandel der Jahrtausende treu geblieben: Christentum und Bolschewismus sind beides Versuche, ein Gottesreich zu errichten. Vor zwei Jahrtausenden waren die Urchristen, nicht die Pharisäer und Sadduzäer, Erben und Erneuerer ,mosaischer Tradition; heute sind es weder die Zionisten noch die Christen, sondern die jüdischen Führer des Sozialismus: denn auch sie wollen, mit höchster Selbstverleugnung, die Erbsünde des Kapitalismus tilgen, die Menschen aus Unrecht, Gewalt und Knecht­schaft erlösen und die entsühnte Welt in ein irdisches Paradies wandeln.

Diesen jüdischen Propheten der Gegenwart, die eine neue Welt­epoche  vorbereiten, ist in allem das Ethische primär: in Politik, Religion, Philosophie und Kunst. Von Moses bis Weininger war Ethik Hauptproblem jüdischer Philosophie. In dieser ethischen Grundeinstellung zur Welt liegt eine Wurzel der einzigartigen Größe des jüdischen Volkes - zugleich aber die Gefahr, daß  Juden, die ihren Glauben an die Ethik verlieren, zu zynischen Egoisten herabsinken: während Menschen anderer Mentalität auch nach Verlust ihrer ethischen Einstellung noch eine Fülle ritterlicher Werte  und Vorurteile (Ehrenmann, Gentleman, Kavalier etc.) übrig behalten, die sie vor dem Sturz in das Werte-Chaos schützen.

Was die Juden von den Inzuchtmenschen sind. Charakterstärke verbunden mit Geistesschärfe prädestiniert den Juden in seinen hervorragendsten Exemplaren zum Führer urbaner Menschheit, zum falschen wie zum echten Geistesaristokraten, zum Protagonisten des Kapitalismus wie die Revolution.


Zweiter Teil:
KRISE DES ADELS

6. Geistesherrschaft statt. Schwertherrschaft

Unser demokratisches Zeitalter ist ein klägliches Zwischenspiel zwischen zwei großen aristokratischen Epochen: der feudalen Aristokratie des Schwertes und der sozialen Aristokratie des Geistes. Die Feudalaristokratie ist im Verfall, die Geistesaristokratie im Werden. Die Zwischenzeit nennt sich demokratisch, wird aber in Wahrheit beherrscht von der Pseudo-Aristokratie des Geldes.

Im Mittelalter herrschte in Europa der rustikale Ritter über den urbanen Bürger, heidnische Mentalität über christlichen, Blutadel über Hirnadel. Die Überlegenheit des Ritters über den Bürger beruhte auf Körper- und Charakterstärke, auf Kraft und Mut.

Zwei Erfindungen haben das Mittelalter bezwungen, die Neuzeit eröffnet: die Erfindung des Pulvers bedeutete das Ende der Ritterherrschaft, die Erfindung des Buchdrucks den Anbruch der Geistesherrschaft. Körperkraft und Mut verloren durch die Ein­führung der Feuerwaffe ihre ausschlaggebende Bedeutung im Daseinskampf: Geist wurde, im Ringen um Macht und Freiheit, zur entscheidenden Waffe.

Der Buchdruck gab dem Geist ein Machtmittel von unbegrenzter Tragweite; rückte die schreibende Menschheit in den Mittelpunkt der lesenden und erhob so den Schriftsteller zum geistigen Führer der Massen. Gutenberg hat den Federn die Macht gegeben, die Schwarz den Schwertern genommen hatte. Mit Hille der Druckerschwärze hat Luther ein größeres Reich erobert als alle deutschen Kaiser.

In der Epoche des aufgeklärten Despotismus gehorchten Herrscher und Staatsmänner den Ideen, die von Denkern stammten. Die Schriftsteller jener Zeit bildeten eine geistige Aristokratie Europas. Der Sieg des Absolutismus über den Feudalismus bedeutete den ersten Sieg der Stadt über das Land und zugleich die erste Etappe im Siegeslauf des Geistesadels, im Sturz des Schwertadels. An die Stelle der mittelalterlichen Diktatur des Landes über die Stadt trat die neuzeitliche Diktatur der Stadt über das Land.

Mit der französischen Revolution, die mit den Privilegien des Blutadels brach, begann die zweite Epoche der Emanzipation des Geistes. Demokratie beruht auf der optimistischen Voraussetzung, ein geistiger Adel könne durch die Volksmehrheit erkannt und gewählt werden.

Nun stehen wir an der Schwelle der dritten Epoche der Neuzeit: des Sozialismus. Auch er stützt sich auf die urbane Klasse der Industriearbeiter, geführt von der geistigen Urban - Aristokratie revolutionärer Schriftsteller.

Der Einfluß des Blutadels sinkt, der Einfluß des Geistesadels wächst.

Diese Entwicklung, und damit das Chaos moderner Politik wird erst dann ein Ende finden, bis eine geistige Aristokratie die Machtmittel der Gesellschaft: Pulver, Gold, Druckerschwärze an sich reißt und zum Segen der Allgemeinheit verwendet.

Eine entscheidende Etappe zu diesem Ziel bildet der russische Bolschewismus, wo eine kleine Schar kommunistischer Geistesaristokraten das Land regiert und bewußt mit dem plutokratischen Demokratismus bricht, der heute die übrige Welt beherrscht.

Plutokratie ist geistige Pseudo-Aristokratie.

Auch Plutokratie war eine Etappe auf dem Wege vom Schwertadel zum Geistesadel. Plutokratie beruht, wie Geistesaristokratie, auf intellektueller Überlegenheit. Sie ist individualistischer Hirnadel, nicht sozialistischer Geistesadel. Sie ist Vorläuferin einer kommenden Herrschaftsform, deren Führer die Tatkraft und Intelligenz der Plutokraten verbinden mit sozialer Mentalität, Verantwortungsgefühl, Idealismus.

Der Kampf zwischen Kapitalismus und Kommunismus um das Erbe des besiegten Blutadels ist ein Bruderkrieg des siegreichen Hirnadels, ein Kampf zwischen individualistischem und sozialistischem, egoistischem und altruistischem, heidnischem und christlichem Geist. Der Generalstab beider Parteien rekrutiert sich aus der geistigen Führerrasse Europas: dem Judentum.

Kapitalismus und Kommunismus sind beide rationalistisch, beide mechanistisch, beide abstrakt, beide urban.

Der Schwertadel hat endgültig ausgespielt. Die Wirkung des Geistes, die Macht des Geistes, der Glaube an den Geist, die Hoffnung auf den Geist wächst: und mit ihnen ein neuer Adel.

7. Adelsdämmerung.

Im Verlaufe der Neuzeit wurde der Blutadel durch die Hof-Atmosphäre, der Geistesadel durch den Kapitalismus vergiftet. Seit dem Ende der Ritterzeit befindet sich der Hochadel des kontinentalen Europa, mit spärlichen Ausnahmen, im Zustande progressiver Dekadenz. Durch seine Urbanisierung hat er seine körperlichen und seelischen Vorzüge verloren.

Zur Zeit des Feudalismus war der Blutadel dazu berufen, sein Land gegen Angriffe des Feindes und Übergriffe des Herrschers zu schützen. Der Edelmann war frei und selbstbewusst gegen Untergebene, Gleichgestellte, Höhergestellte; König auf seinem Landbesitz, konnte er nach ritterlichen Grundsätzen seine Persönlich­keit frei entfalten.

Der Absolutismus änderte diese Situation: der oppositionelle Adel, der, frei, stolz und tapfer, auf seine historischen Rechte bestand, wurde, soweit es ging, ausgerottet; der Rest wurde an den Hof gezogen und dort in eine glänzende Knechtschaft gedrängt. Dieser Hofadel war unfrei, abhängig von den Launen des Herrschers und seiner Kamarilla; so mußte er seine besten Eigenschaften verlieren: Charakter, Freiheitsdrang, Stolz, Führerschaft. Um den Charakter und damit die Widerstandskraft des französischen Adels zu brechen, lockte ihn Ludwig XIV. nach Versailles; der großen Revolution blieb die Vollendung seines Werkes vorbehalten: sie hat dem Adel, der seine Vorzüge preisgegeben und verloren hatte, seine überlebten Vorrechte genommen.

Nur in jenen Ländern Europas, wo der Adel, seiner ritterlichen Mission treu, Führer und Vorkämpfer der nationalen Opposition gegen monarchischen Despotismus und Fremdherrschaft blieb, erhielt sich ein adeliger Führertypus: in England, Ungarn, Polen, Italien.

Seit der Wandlung der europäischen Kultur aus einer ritterlich­rustikalen in eine bürgerlich-urbane blieb der Blutadel in geistig­kultureller Hinsicht hinter dem Bürgertum zurück. Krieg, Politik und die Verwaltung seiner Güter nahmen ihn so sehr in Anspruch, daß seine geistigen Fähigkeiten und Interessen vielfach ver­kümmerten.

Diese historischen Ursachen neuzeitlicher Adeldämmerung wurden noch durch physiologische verstärkt: Alkohol und Lues untergruben die einstige physische Überlegenheit des Adels; dazu kamen noch die degenerativen Einflüsse übertriebener Inzucht, denen der eng­lische Adel durch häufige Mischung mit bürgerlichem Blute entging. An Stelle des harten, mittelalterlichen Kriegsdienstes brachte die Neuzeit dem Adel meist arbeitsloses Wohlleben; aus dem bedrohtesten Stand wurde der Adel durch seinen Erbreichtum allmählich zum gesichertsten. Durch das Zusammenwirken all dieser Umstände verfiel der physische, psychische und geistige Typus einstigen Adels.

Der Hirnadel konnte den Blutadel nicht ablösen, weil auch er sich in einer Krise, in einem Verfallzustand befindet. Demokratie entstand aus Verlegenheit: nicht deshalb, weil die Menschen keinen Adel wollten, sondern deshalb, weil sie keinen Adel fanden. So­bald sich ein neuer, echter Adel konstituiert, wird Demokratie von selbst verschwinden. Weil England echten Adel besitzt, blieb es, trotz seiner demokratischen Verfassung, aristokratisch.

Der akademische Hirnadel Deutschlands, vor einem Jahr­hundert Führer der Opposition gegen Absolutismus und Feudalismus, Vorkämpfer moderner und freiheitlicher Ideen, ist heute zur Hauptstütze der Reaktion, zum Hauptgegner geistiger und politischer Erneuerung herabgesunken. Dieser Pseudo-Geistesadel Deutschlands war im Kriege Anwalt des Militarismus, in der Revolution Verteidiger des Kapitalismus. Seine Leitworte: Nationalismus, Militarismus, Antisemitismus, Alkoholismus, sind zugleich die Losungs­worte im Kampfe wider den Geist. Ihre verantwortungsreiche Mission: den Feudaladel abzulösen und den Geistesadel vorzubereiten, hat die akademische Intelligenz verkannt, verleugnet, verraten.

Auch die publizistische Intelligenz hat ihre Führermission verraten. Sie, die berufen war, geistige Führerin und Lehrerin der Massen zu werden, zu ergänzen und zu verbessern, was ein rückständiges Schulsystem versäumt und verbrochen hat - erniedrigte sich in ihrer ungeheuren Mehrheit Zur Sklavin des Kapitals, zur Verbildnerin des politischen und künstlerischen Geschmackes. Ihr Charakter zerbrach unter dem Zwang, statt eigener Überzeugungen fremde zu vertreten und zu verteidigen - ihr Geist verflachte durch die Überproduktion, zu der ihr Beruf sie zwingt.

Wie der Rhetor der Antike, so steht der Journalist der Neuzeit im Zentrum der Staatsmaschine: er bewegt die Wähler, die Wähler die Abgeordneten, die Abgeordneten die Minister. So fällt dem Journalisten die höchste Verantwortung für alles politische Geschehen zu : und gerade er, als typischer Vertreter urbaner Charakterlosigkeit, fühlt sich meist von jeder Verpflichtung und Verantwortung frei.

Schule und Presse sind die beiden Punkte, von denen aus die Welt sich unblutig, ohne Gewalt erneuern und veredeln ließe. Die Schule nährt oder vergiftet die Seele des Kindes; die Presse nährt oder vergiftet die Seele des Erwachsenen. Schule und Presse sind heute beide in den Händen einer ungeistigen Intelligenz: sie in die Hände des Geistes zurückzulegen, wäre die höchste Aufgabe jeder idealen Politik, jeder idealen Revolution.

Die Herrscherdynastien Europas sind durch Inzucht herabgekommen; die Plutokratendynastien durch Wohlleben. Der Blutadel verkam, weil er Diener der Monarchie wurde; der Geistesadel verkam, weil er Diener des Kapitals wurde.

Beide Aristokratien hatten vergessen, daß mit jedem Vorzug, mit jeder Auszeichnung und Ausnahmestellung Verantwortung verknüpft ist. Sie haben den Wahlspruch alles wahren Adels verlernt: „Noblesse oblige!". Sie wollten die Früchte ihrer Vorzugsstellung genießen, ohne deren Pflichten zu tragen; fühlten sich als Herren und Vorgesetzte, nicht als Führer und Vorbilder ihrer Mitmenschen. Statt dem Volke neue Ziele zu weisen, neue Wege zu bahnen, ließen sie sich von Herrschern und Kapitalisten zu Werkzeugen ihrer Interessen missbrauchen: um Wohlleben; Ehrenstellen und Geld verkauften sie ihre Seelen, ihr Blut und ihr Hirn.

Der alte Adel des Blutes und des Hirnes hat den Anspruch verloren, weiter noch als Aristokratie zu gelten; denn es fehlen ihm die Zeichen allen echten Adels: Charakter, Freiheit, Verant­wortung. Die Fäden, die sie mit ihren Völkern verbanden, haben sie zerschnitten: durch Standesdünkel auf der einen, Bildungsdünkel auf der anderen Seite.

Es liegt im Sinne historischer Nemesis, daß die große Sintflut, die von Rußland ihren Ausgang nimmt, auf blutigen oder unblutigen Wege die Welt von den Usurpatoren reinigt, die ihre Vorzugsstellungen behaupten wollen, während sie längst deren einstige Voraussetzungen verloren haben. 

8. Plutokratie.

Bei dem Tiefstand des Blut- und Geistesadels war es nicht zu verwundern, daß eine dritte Menschenklasse provisorisch die Macht an sich riß: die Plutokratie.

Die Verfassungsform, die Feudalismus und Absolutismus ablöste, war demokratisch; die Herrschaftsform plutokratisch. Heute ist Demokratie Fassade der Plutokratie: weil die Völker nackte Plutokratie nicht dulden würden, wird ihnen die nominelle Macht überlassen, während die faktische Macht in den Händen der Pluto­kraten ruht. In republikanischen wie in monarchischen Demokratien sind die Staatsmänner Marionetten, die Kapitalisten Drahtzieher: sie diktieren die Richtlinien der Politik, sie beherrschen durch Ankauf der öffentlichen Meinung die Wähler, durch geschäftliche und gesellschaftliche Beziehungen die Minister.

An die Stelle der feudalen Gesellschaftsstruktur ist die plutokratische getreten: nicht mehr die Geburt ist maßgebend für die soziale Stellung, sondern das Einkommen. Die Plutokratie von heute ist mächtiger als die Aristokratie von gestern: denn niemand steht über ihr als der Staat, der ihr Werkzeug und Helfers-Helfer ist.

Als es noch wahren Blutadel gab, war das System der Geburtsaristokratie gerechter als heute das der Geldaristokratie: denn damals hatte die herrschende Kaste Verantwortungsgefühl, Kultur, Tradition - während die Klasse, die heute herrscht, alles Verantwortungsgefühles, aller Kultur und Tradition bar ist. Vereinzelte Ausnahmen ändern nichts an dieser Tatsache. Während die Weltanschauung des Feudalismus heroisch-religiös war, kennt die plutokratische Gesellschaft keine höheren Werte als Geld und Wohlleben: die Geltung eines Menschen wird taxiert nach dem, was er hat, nicht nach dem, was er ist.

Dennoch bilden die Führer der Plutokratie in gewissen), Sinne eine Aristokratie, eine Auslese: denn zur Erraffung großer Vermögen sind eine Reihe hervorragender Eigenschaften nötig: Tatkraft, Umsicht, Klugheit, Besonnenheit, Geistesgegenwart, Initiative, Verwegenheit und Großzügigkeit. Durch diese Vorzüge legitimieren sich die erfolgreichen Großunternehmer als moderne Erroberernaturen, deren überlegene Willens- und Geisteskraft ihnen über die Masse minderwertiger Konkurrenten den Sieg brachte.

Diese Überlegenheit der Plutokraten gilt jedoch nur innerhalb der erwerbenden Menschenklasse - sie verschwindet sofort, wenn jene hervorragenden Geldverdiener gemessen werden an den hervorragenden Vertretern idealer Berufe. Es ist also gerecht, daß ein tüchtiger Industrieller oder Kaufmann materiell und sozial höher aufsteigt als seine untüchtigen Kollegen - ungerecht aber ist es, daß seine gesellschaftliche Macht und Geltung höher ist als die eines Künstlers, Gelehrten, Politikers, Schriftstellers, Lehrers, Richters, Arztes, der in seinem Berufe ebenso fähig ist, wie jener, dessen Fähigkeiten jedoch idealeren und sozialeren Zielen dienen-. daß also das gegenwärtige Gesellschaftssystem die egoistisch-materialistische Mentalität prämiiert gegenüber einer altruistisch­idealen.

In dieser Bevorzugung egoistischer Tüchtigkeit gegenüber altruistischer, materialistischer gegenüber idealistischer liegt das Grundübel der kapitalistischen Gesellschaftsstruktur; während die wahren Aristokraten des Geistes und Herzens: die Weisen und die Gütigen, in Armut und Ohnmacht leben, usur­pieren egoistische Gewaltmenschen die Führerstellung, zu der jene berufen wären.

So ist Plutokratie in energetischer und intellektueller Hinsicht Aristokratie - in ethischer und geistiger Beziehung Pseudo-Aristo­kratie; innerhalb der Erwerbsklassen Aristokratie - an idealeren Berufen gemessen Pseudo-Aristokratie.

Wie die Aristokratie des Blutes und des Geistes, so befindet sich auch die des Geldes gegenwärtig in einer Verfallsperiode. Die Söhne und Enkel jener großen Unternehmer, deren Wille, durch Not und Arbeit gestählt, sie aus dem Nichts zur Macht empörgeführt hatte, erschlaffen Zumeist in Wohlleben und Untätigkeit. Nur selten vererbt sich die väterliche Tüchtigkeit oder sublimiert sich zu geistigerem und idealerem Schaffen. Den Plutokratengeschlechtern fehlt jene Tradition und Weltanschauung, jener konservativ-rustikale Geist, der einst die Adelsgeschlechter- jahrhundertelang vor Entartung bewahrt hatte. Schwächliche Epigonen übernehmen das Machterbe ihrer Väter, ohne die Gaben des Willens und Verstandes, durch die es errafft worden war. Macht und Tüchtigkeit geraten in Widerspruch: und unterhöhlen so die innere Berechtigung des Kapitalismus.

Die historische Entwicklung hat diesen natürlichen Verfall beschleunigt, Durch die Hochkonjunktur des Krieges emporgetragen, beginnt eine neue Schieber-Plutokratie die alte Unternehmer­Plutokratie zu zersetzen und zu verdrängen. Während mit der Bereicherung des Unternehmers der Volkswohlstand wächst, sinkt er mit der Bereicherung des Schiebers. Die Unternehmer sind - Führer der Wirtschaft - die Schieber deren Parasiten: Unternehmertum ist produktiver - Schiebertum unproduktiver Kapitalismus.

Die gegenwärtige Hochkonjunktur erleichtert skrupellosen, hemmungslosen und gewissenlosen Menschen den Gelderwerb, für Spekulations- und Schiebergewinne sind Glück und Rücksichtslosigkeit unentbehrlicher als hervorragende Willens- und Verstandesgaben. So repräsentiert die moderne Schieber-Plutokratie eher eine Kakistokratie des Charakters als eine Aristokratie der Tüchtigkeit. Durch die zunehmende Verwischung der Grenzen zwischen Unternehmertum und Schiebertum wird der Kapitalismus vor dem Forum des Geistes und der Öffentlichkeit kompromittiert und herabgezogen.

Keine Aristokratie kann sich ohne moralische Autorität dauernd behaupten. Sobald die herrschende Klasse aufhört, Symbol ethischer und ästhetischer Werte zu sein, wird ihr Sturz unaufhaltsam.

Die Plutokratie ist, an anderen Aristokratien gemessen, arm an ästhetischen Werten. Sie erfüllt die politischen Funktionen einer Aristokratie, ohne die Kulturwerte eines Adels zu bieten. Reichtum ist aber nur im Kleide der Schönheit erträglich, nur als Träger einer ästhetischen Kultur gerechtfertigt. Indessen hüllt sich die neue Plutokratie in öde Geschmacklosigkeit und aufdringliche Häßlichkeit: ihr Reichtum wird unfruchtbar und abstoßend.

Die europäische Plutokratie vernachlässigt - im Gegensatz zur amerikanischen - ihre ethische Mission ebenso sehr wie ihre ästhetische: soziale Wohltäter großen Stiles sind ebenso spärlich wie Mäzene. Statt ihren Daseinszweck im sozialen Kapitalismus zu erblicken, in der Zusammenfassung des zersplitterten Volksvermögens zu großzügigen Werken schöpferischer Humanität - fühlen sich die Plutokraten in ihrer erdrückenden Mehrheit berechtigt, ihr Wohlleben verantwortungslos auf Massenelend aufzubauen. Statt Treuhändler der Menschheit sind sie Ausbeuter, statt Führer Irreführer.

Durch diesen Mangel an ästhetischer und ethischer Kultur zieht sich die Plutokratie nicht nur den Haß, sondern auch die Verachtung der öffentlichen Meinung und ihrer geistigen Führer zu: da sie es nicht verstand, Adel zu werden, muß sie fallen.

Die russische Revolution bedeutet für die plutokratische Geschichtsepoche den Anfang vom Ende. Selbst wenn Lenin unterliegt, wird sein Schatten ebenso das 20. Jahrhundert beherrschen, wie die Französische Revolution trotz ihres Zusammenbruches die Entwicklung des 19. bestimmt hat: nie hätten im kontinentalen Europa Feuda­lismus und Absolutismus freiwillig abgedankt - wenn nicht aus Angst vor einer Wiederholung jakobinischen Terrors, vor dem Ende des französischen Adels und Königs. So wird es dem Damoklesschwert bolschewistischen Terrors schneller gelingen, die Herzen der Plutokraten zu erweichen und sozialen Forderungen zugänglich zu machen, als in zwei Jahrtausenden dem Evangelium Christi.

9. Blutadel und Zukunftsadel

Adel beruht auf körperlicher, seelischer, geistiger Schönheit; Schönheit auf vollendeter Harmonie und gesteigerter Vitalität: wer darin seine Mitwelt überragt, ist Aristokrat.

Der alte aristokratische Typus ist im Aussterben; der neue noch nicht konstituiert. Unsere Zwischenzeit ist bettelarm an großen Persönlichkeiten: an schönen Menschen; an edlen Menschen; an weisen Menschen. Indessen usurpieren Epigonen des versunkenen Adels die toten Formen einstiger Aristokratie und füllen sie mit dem Inhalt ihrer armseligen Bürgerlichkeit. Die starke Lebensfülle einstigen Adels ist auf Emporkömmlinge übergegangen: doch ihnen fehlen seine Formen, seine Vornehmheit, seine Schönheit.

Dennoch braucht die Zeit an der Idee des Adels, an der Zukunft eines Adels nicht zu verzweifeln. Will die Menschheit vorwärtsschreiten, braucht sie Führer, Lehrer, Wegweiser; Erfüllungen dessen, was sie werden will; Vorläufer ihrer künftigen Erhebung in höhere Sphären. Ohne Adel keine Evolution. Eudärnonistische Politik kann demokratisch-evolutionistische Politik muß aristokratisch sein. Um emporzusteigen, um vorwärtszuschreiten sind Ziele nötig; um Ziele zu erreichen, sind Menschen nötig, die Ziele setzen, zu Zielen führen: Aristokraten.

Der Aristokrat als Führer ist ein politischer Begriff; der Adelige als Vorbild ist ein ästhetisches Ideal. Höchste Forderung verlangt, daß Aristokratie mit Adel, Führer mit Vorbild zusammenfällt: daß vollendeten Menschen die Führerschaft zufällt.

Von der europäischen Quantitätsmenschheit, die nur an die Zahl, die Masse glaubt, heben sich zwei Qualitätsrassen ab: Blut­adel und Judentum. Voneinander geschieden, halten sie beide; fest am Glauben an ihre höhere Mission, an ihr besseres Blut, an menschliche Rangunterschiede. In diesen beiden heterogenen Vorzugsrassen liegt der Kern des europäischen Zukunftsadels: im feudalen Blutadel, soweit er sich nicht vom Hofe; im jüdischen Hirnadel, soweit er sich nicht vom Kapital korrumpieren ließ. Als Bürgschaft einer besseren Zukunft bleibt ein kleiner Rest sittlich hochstehenden Rustikaladels und eine kleine Kampfgruppe revolutionärer Intelligenz. Hier wächst die Gemeinschaft zwischen Lenin, dem Mann aus ländlichem Kleinadel, und Trotzki, dem jüdischen Literaten, zum Symbol: hier versöhnen sich die Gegensätze von Charakter und Geist, von Junker und Literat, von rustikalem und urbanem, heidnischem und christlichem Menschen zur schöpferischen Synthese revolutionärer Aristokratie.

Ein Schritt vorwärts im Geistigen würde genügen, um die besten Elemente des Blutadels, die auf dem Lande ihre physische und moralische Gesundheit vor den depravierenden Einflüssen der Hofluft bewahrt haben, in den Dienst der neuen Menschenbefreiung zu stellen. Denn zu dieser Stellungnahme prädestiniert sie ihr traditioneller Mut, ihre antibürgerliche und antikapitalistische Mentalität, ihr Verantwortungsgefühl, ihre Verachtung materiellen Vorteils, ihr stoisches Willenstraining, ihre Integrität, ihr Idealismus. In geistigere und freiere Bahnen gelenkt, könnten sich die starken adeligen Energien, die bisher Stützen der Reaktion waren, zu neuer Blüte regenerieren und Führernaturen zeugen, die Unbeugsamkeit des Willens mit Seelengröße und Selbstlosigkeit verbinden; und, statt als Exponenten des Bürgertums (das ihnen im Innersten zuwider ist) kapitalistischen Interessen zu dienen, in eine Reihe treten mit den Vertretern des verjüngten Geistesadels zur Befreiung und Veredelung der Menschheit.

Politik war in Europa durch Jahrhunderte Adelsprivileg. Der Hochadel bildete eine internationale politische Kaste, in der diplomatische Talente herangezüchtet wurden. Seit vielen Generationen lebt der europäische Blutadel in einer politischen Atmosphäre, von der das Bürgertum mit Absicht ferngehalten wurde. Auf seinen Latifundien lernte der Adel die Kunst des Regierens, der Menschenbehandlung - auf den führenden Staatsposten des In- und Auslandes die Kunst der Völkerbehandlung. Politik ist Kunst, nicht Wissenschaft; ihr Schwerpunkt liegt mehr im Instinkt als im Verstande, mehr im Unterbewussten als im Bewussten. Politische Begabung lässt sich wecken und ausbilden, nie erlernen. Genie durchbricht alle Regeln: an politischen Talenten aber ist der Adel ungleich reicher als das Bürgertum. Denn, um Kenntnisse zu erwerben, genügt ein Einzelleben: um Instinkte zu züchten, bedarf es des Zusammenwirkens vieler Generationen. In den ihrer Überzeugung.

Wäre Adler im militaristisch-reaktionären Milieu deutschen Bluladels, Arco im sozialistisch-revolutionären Milieu österreichischen Geistesadels aufgewachsen - so hätte, wahrscheinlich, die Kugel Arcos den Ministerpräsidenten Stürgk, die Kugel Adlers den Ministerpräsidenten Eisner getroffen. Denn auch sie sind Brüder, getrennt durch die Verschiedenheit anerzogener Vorurteile, verbunden durch die Gemeinsamkeit heroisch-selbstlosen Charakters. Auch hier liegt der Unterschied im geistigen Niveau (Adler ist Geistesmensch), nicht in der Reinheit der Gesinnung. Wer den Charakter des Einen lobt, darf den des Anderen nicht herabsetzen - wie dies von beiden Seiten täglich geschieht.

Wo potenzierte Lebenskraft ist, da ist Zukunft. Die Blüte des Bauerntums, der Landadel, hat (soweit er sich gesund erhielt) in tausendjähriger Symbiose mit der lebendigen und lebenspendenden Natur eine Fülle vitaler Kräfte gesammelt und aufgespeichert. Gelingt es einer modernen Erziehung, einen Teil dieser gesteigerten Lebensenergien ins Geistige zu sublimieren: dann könnte, vielleicht, der Adel der Vergangenheit entscheidenden Anteil nehmen am Aufbau des Adels der Zukunft.

10. Judentum und Zukunftsadel.

Hauptträger des korrupten wie des integeren Hirnadels: des Kapitalismus, Journalismus und Literatentums, sind Juden. Die Überlegenheit ihres Geistes prädestiniert sie zu einem Hauptfaktor zukünftigen Adels.

Ein Blick-, in die Geschichte des jüdischen Volkes erklärt seinen Vorsprung im Kampf um die Menschheitsführung. Vor zwei Jahrtausenden war das Judentum eine Religionsgemeinschaft, zusammen­gesetzt aus ethisch-religiös veranlagten Individuen aller Nationen des antiken Kulturkreises, mit einem national-hebräischen Mittelpunkt in Palästina. Damals war bereits das Gemeinsame, Verbindende und Primäre nicht die Nation, sondern die Religion. Im Laufe des ersten Jahrtausends unserer Zeitrechnung traten in diese Glaubensgemeinschaft Proselyten aus allen Völkern ein, zuletzt König, Adel und Volk der mongolischen Chasaren, der Herren Südrußlands. Von da an erst schloß sich die jüdische Religionsgemeinschaft zu einer künstlichen Volksgemeinschaft zusammen und gegen alle übrigen Völker ab.

Durch unsagbare Verfolgungen versucht seit einem Jahrtausend das christliche Europa das jüdische Volk auszurotten. Der Erfolg war, daß alle Juden, die willensschwach, skrupellos, opportunistisch oder skeptisch waren, sich taufen ließen, um dadurch den Qualen endloser Verfolgung zu entgehen. Andererseits gingen unter diesen vielfach erschwerten Lebensbedingungen alle Juden zugrunde, die nicht geschickt, klug und erfinderisch genug waren, den Daseinskampf in dieser schwierigsten Form zu bestehen.

So ging schließlich aus all diesen Verfolgungen eine kleine Gemeinschaft hervor, gestählt durch ein heldenmütig ertragenes Martyrium für die Idee und geläutert von allen Willensschwachen und geistesarmen Elementen. Statt das Judentum zu vernichten, hat es Europa wider Willen durch jenen künstlichen Ausleseprozeß veredelt und zur Führernation der Zukunft erzogen. Kein Wunder also, daß dieses Volk, dem Ghetto-Kerker entsprungen, sich zu einem geistigen Adel Europas entwickelt. So hat eine gütige Vorsehung Europa in dem Augenblick, als der Feudaladel verfiel, durch die Judenemanzipation eine neue Adelsrasse von Geistes Gnaden geschenkt.

Der erste typische Repräsentant dieses werdenden Zukunftsadels war der revolutionäre Edeljude Lassalle, der in hohem Maße Schönheit des Körpers mit Edelmut des Charakters und Schärfe des Geistes vereinte: Aristokrat im höchsten und wahrsten Sinne des Wortes, war er ein geborener Führer und Wegweiser seiner Zeit.

Nicht: das Judentum ist der neue Adel; sondern: das Judentum ist der Schoß, aus dem ein neuer, geistiger Adel Europas hervorgeht. Eine geistig-urbane Herrenrasse ist in Bildung: Idealisten, geistvoll und feinnervig, gerecht und überzeugungstreu, tapfer wie der Feudaladel in seinen besten Tagen, die Tod und Verfolgung, Haß und Verachtung freudig auf sich nehmen, um die Menschheit sittlicher, geistiger, glücklicher zu machen.

Die jüdischen Helden und Märtyrer der Ost- und Mitteleuropäischen Revolution stehen an Mut, Ausdauer und Idealismus den nichtjüdischen Helden des Weltkrieges in nichts nach - während sie dieselben an Geist vielfach überragen. Das Wesen dieser Männer und Frauen, die es versuchen, die Menschheit zu erlösen und zu regenerieren, ist eine eigentümliche Synthese religiöser und politischer Elemente: von heroischem Märtyrertum und geistiger Propaganda, revolutionärer Tatkraft und sozialer Liebe, von Gerechtigkeit und Mitleid. Diese Wesenszüge, die sie einst zu Schöpfern der christlichen Weltbewegung gemacht haben, stellen sie heute an die Spitze der sozialistischen.

Mit diesen beiden Erlösungsversuchen geistig-sittlichen Ursprunges hat das Judentum die enterbten Massen Europas reicher beschenkt, als irgendein zweites Volk. Wie denn auch das moderne Judentum durch seinen Prozentsatz an bedeutenden Männern alle übrigen Völker weit übertrifft: kaum ein Jahrhundert nach seiner Befreiung steht dieses kleine Volk heute mit Einstein an der Spitze moderner Wissenschaft; mit Mahler an der Spitze moderner Musik; mit Bergson an der Spitze moderner Philosophie; mit Trotzki an der Spitze moderner Politik. Die prominente Stellung, die das Judentum  heutzutage innehat, verdankt es allein seiner geistigen Überlegenheit, die es befähigt, über eine ungeheure Übermacht bevorzugter, gehässiger, neidischer Rivalen im geistigen Wettkampf zu siegen.

Der moderne Antisemitismus ist eine der vielen Reaktionserscheinungen des Mittelmäßigen gegen das Hervorragende; ist eine neuzeitliche Form des Ostrakismus, angewandt gegen ein ganzes Volk. Als Volk erlebt das Judentum den ewigen Kampf der Quantität gegen die Qualität, minderwertiger Gruppen gegen hochwertige Individuen, minderwertiger Majoritäten gegen höherwertige Minoritäten.

Die Hauptwurzeln des Antisemitismus sind Beschränktheit und Neid: Beschränktheit im Religiösen oder im Wissenschaftlichen; Neid im Geistigen oder im Wirtschaftlichen.

Dadurch daß sie aus einer internationalen Religionsgemeinschaft, nicht aus einer lokalen Rasse hervorgegangen sind, sind die Juden das Volk der stärksten Blutmischung; dadurch daß sie sieh seit einem Jahrtausend gegen die übrigen Völker abschließen, sind sie das Volk stärkster Inzucht. So vereinigen, wie beim Hochadel, die Auserwählten unter ihnen Willensstärke mit Geistesschärfe, während ein anderer Teil der Juden die Mängel der Inzucht mit denen der Blutmischung verbindet: Charakterlosigkeit mit Beschränktheit, Hier findet sich heiligste Selbstaufopferung neben beschränktester Selbstsucht, reinster Idealismus neben krassestem Materialismus. Auch hier bestätigt sich die Regel: je gemischter ein Volk, desto unähnlicher sind seine Repräsentanten untereinander, desto unmöglicher- ist es, einen Einheitstypus zu konstruieren.

Wo viel Licht, da ist viel Schatten. Geniale Familien weisen einen höheren Prozentsatz an Irrsinnigen und Verbrechern auf, als Mittelmäßige; das gilt auch von Völkern. Nicht bloß die revolutionäre Geistesaristokratie von morgen - auch die plutokratische Schieber-Kakistokratie von heute rekrutiert sich vornehmlich aus Juden: und schärft so die agitatorischen Waffen des Antisemitismus.

Tausendjährige Sklaverei hat den Juden, mit seltenen Ausnahmen die Geste des Herrenmenschen genommen. Dauernde Unterdrückung hemmt Persönlichkeitsentfaltung: und nimmt damit ein Hauptelement des ästhetischen Adelsideals. An diesem Mangel leidet, physisch wie psychisch, ein Großteil des Judenturns; dieser Mangel ist die Hauptursache, daß der europäische Instinkt sich dagegen sträubt, das Judentum als Adelsrasse anzuerkennen.

Das Ressentiment, mit dem die Unterdrückung das Judentum belastet hat, gibt ihm viel vitale Spannung; nimmt ihm dafür viel vornehme Harmonie.

Übertriebene Inzucht, verbunden mit der Hyperurbanität der Ghetto-Vergangenheit, hatte manche Züge physischer und psychischer Dekadenz im Gefolge. Was der Kopf der Juden gewann, hat oft ihr Körper verloren; was ihr Hirn gewann, hat ihr Nervensystem verloren.

So leidet das Judentum an einer Hypertrophie des Hirnes und stellt sich so in Gegensatz zur adeligen Forderung harmonischer Persönlichkeitsentfaltung. Die körperliche und nervöse Schwäche vieler geistig hervorragender Juden zeitigt einen Mangel an physischem Mut (oft in Verbindung mit höchstem moralischen Mut) und eine Unsicherheit des Auftretens: Eigenschaften, die heute noch mit dem ritterlichen Ideal des Adelsmenschen unvereinbar erscheinen.



So hat das geistige Herrenvolk der Juden unter Zügen des Sklavenmenschen zu leiden, die ihm seine historische Entwicklung aufgeprägt hat: noch heute tragen viele jüdische Führerpersönlichkeiten Haltung und Geste des unfreien, unter­drückten Menschen. In ihren Gesten sind herabgekommene Aristokraten oft adeliger als hervorragende Juden.

Diese Mängel des Judentums, durch die Entwicklung entstanden, werden durch die Entwicklung wieder verschwinden. Die Rustikalisierung des Judentums (ein Hauptziel des Zionismus), verbunden mit sportlicher Erziehung, wird das Judentum vom Ghetto-Rest, den es heute noch in sich trägt, befreien. Daß dies möglich ist, beweist die Entwicklung des amerikanischen Judentums. Der faktischen Freiheit und Macht, die das Judentum errungen hat, wird das Bewußtsein derselben, dem Bewußtsein allmählich Haltung und Geste des freien, mächtigen Menschen folgen.

Nicht nur das Judentum wird sich in der Richtung des westlichen Adelsideals wandeln - auch das westliche Adelsideal wird eine Wandlung erfahren, die dein Judentum auf halbem Wege entgegenkommt. In einem friedlicheren Europa der Zukunft wird der Adel seinen kriegerischen Charakter abstreifen und mit einem geistig-priesterlichen vertauschen. Ein pazifiziertes  und sozialisiertes Abendland wird keine Gebieter und Herrscher mehr brauchen - nur Führer, Erzieher, Vorbilder. In einem orientalischen Europa wird der Zukunftsaristokrat mehr einem Brahmanen und Mandarin gleichen, als einem Ritter.


AUSBLICK

Der Adelsmensch der Zukunft wird weder feudal noch jüdisch, weder bürgerlich noch proletarisch: er wird synthetisch sein. Die Rassen und Klassen im heutigen Sinne werden verschwinden, die Persönlichkeiten bleiben.

Erst durch Verbindung mit bestem Bürgerblut werden die ent­wicklungsfähigen Elemente einstigen Feudaladels sich zu neuer Blüte emporringen; erst durch Vereinigung mit den Gipfeln nicht­jüdischen Europäertums wird das jüdische Element des Zukunftsadels zur vollen Entfaltung gelangen. Den auserwählten Menschen der Zukunft mag ein physisch hochgezüchteter Rustikaladel vollendete Körper und Gesten, ein geistig hochgebildeter Urbanadel vergeistigte Physiognomien, durchseelte Augen und Hände schenken.


Aus diesem Zufallsadel von heute wird die neue internationale und intersoziale Adelsrasse von morgen hervorgehen. Alles Hervorragende an Schönheit, Kraft, Energie und Geist wird sich erkennen und zusammenschließen, nach den geheimen Gesetzen erotischer Attraktion. Sind erst einmal die künstlichen Schranken gefallen, die Feudalismus und Kapitalismus zwischen den Menschen errichtet haben - dann werden automatisch den bedeutendsten Männern die schönsten Frauen zufallen, den hervorragendsten Frauen die vollendetsten Männer.

Je vollkommener dann im Physischen, Psychischen, Geistigen ein Mann sein wird - desto größer die Zahl der Frauen, unter denen er wird wählen können. Nur den edelsten Männern wird die Verbindung mit den edelsten Frauen freistehen und umgekehrt - die Minderwertigen werden sich mit den Minderwertigen zufriedengeben müssen.  Dann wird die erotische Lebensform der Minderwertigen und Mittelmäßigen freie Liebe sein, der Auserwählten: Freie Ehe. So wird der neue Zuchtadel der Zukunft nicht hervorgehen aus den künstlichen Normen menschlicher Kastenbildung, sondern aus den göttlichen Gesetzen erotischer Eugenik. Die natürliche Rangordnung menschlicher Vollkommenheit wird an die Stelle der künstlichen Rangordnung des Feudalismus und Kapitalismus treten.

Der Sozialismus, der mit der Abschaffung des Adels, mit der Nivellierung der Menschheit begann, wird in der Züchtung des Adels, in der Differenzierung der Menschheit gipfeln. Hier, in der sozialen Eugenik, liegt seine höchste historische Mission, die er heute noch nicht erkennt: aus ungerechter Ungleichheit über Gleichheit zu gerechter Ungleichheit zu führen, über die Trümmer aller Pseudo-Aristokratie zu echtem, neuem Adel.

Dem Andenken meines Vaters: Dr. Heinrich Graf Coudenhove-Kalergi in Verehrung und Dankbarkeit

© 1922 Neue Geist Verlag

Biographie: http://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Nikolaus_Coudenhove-Kalergi


Digitalisiert am 29. Juli 2013 Jurij Below, Frankfurt am Main